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Die aktuelle Predigt

Am 12. Sonntag nach Trinitatis, den 22. August um 10.00 Uhr
gehalten durch Pfarrer i. R. Peter Ammon
 


 

der biblische Abschnitt für die Predigt steht im ersten Brief des Johannes im 4. Kapitel, die Verse 7 bis 12:

Die Liebe Gottes und die Liebe zum Bruder

7Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.
8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.
9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10 Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen

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Liebe Gemeinde;

Hat es geklingelt bei Ihnen? Erinnern Sie sich? Das war der Predigttext, mit dem sich Joanetta Cornell, unsere ehemalige Vikarin, von uns verabschiedet hat. Sie hat es auch gezählt: 15 mal kommt das Wort Liebe in verschiedenen Variationen hier vor.

Wie in einer Spirale fügen sich die Gedanken aneinander, wie bei einer Meditation über Liebe. Immer wieder taucht derselbe Gedanke etwas verändert auf. Dabei wird schon klar, dass wir aus uns heraus Liebe nicht produzieren können, Liebe kann nie von uns gefordert werden. Sie kann immer nur als Geschenk, als etwas Besonderes, gar als Phänomen verstanden werden, das mit Gott zu tun hat.

Wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben, ist das meist etwas, das über einen kommt, das einen Menschen erfasst und er nichts dagegen tun kann, wie ein unerwartetes Glück.

Ich denke an Kathrin, eine junge Frau aus unserer Verwandtschaft; sie wohnt in Berlin, ist Soldatin. Kathrin ist ungewollt schwanger geworden. Sie hat mir erzählt, dass sie nie Kinder haben wollte. Hunde und Pferde, das war ihres. Und für Kinder da sein bei ihrem Einsatz in Afghanistan, das konnte sie. Aber sie hat geradezu Angst davor gehabt, selbst ein Kind haben zu müssen und kein Gefühl dafür aufbringen zu können, Liebe zu dem Kind spielen zu müssen. Sie hat dann auch ihre Schwangerschaft verdrängt, wollte sie nicht wahr haben. Vielleicht kommt sie doch noch drum herum, hoffte sie.

Dann wurde das Kind geboren. Sie sagte mir, als wir die Taufe vorbereiteten: ‚Dieses Kind ist genau das, was mir fehlte’. Der kleine Nikolas, ein Versehen, gar nicht von ihr gewollt, aber von Gott gewollt. Und mit dem Kind von Gott dazu geschenkt, dieses Glücksgefühl, diese innige Liebe zu dem Kind. Eine ganz andere ist sie geworden, ganz echt und tief. So ein Glück, so eine Freude.

Hier steht: Die Liebe ist von Gott und wer liebt, der ist von Gott geboren. Kathrin hat's erlebt. Gott hat Liebe in ihr gezeugt, so, wie ein Kind gezeugt wird. Lassen Sie das mal durch sich hindurchgehen. Liebe ist eine Gotteszeugung, ist etwas, das Gott in uns zeugt. Ein irrer Gedanke!

 

So ist es wohl auch bei uns: Die Liebe Gottes macht uns liebesfähig. Wie geht das? Liebe Gottes ist nicht nur etwas im Kopf, eine Feststellung, ein Gutachten, ‚Gott liebt mich’. Das mit der Liebe Gottes, das rührt uns viel tiefer an, wie es von Kathrin ganz tief erfahren wurde.

Der Mystiker Meister Eckhardt hat dazu wunderbare Gedanken gefunden. Hören Sie: Gott ist der Seele näher, als sie sich selber ist! Um diese Nähe zu Gott zu finden, das ist nach Meister Eckhardt ganz einfach: Nur hinsetzen und still werden. Zu dir finden. Wenn ich bei mir bin, bin ich bei Gott und wenn ich bei Gott bin, dann bin ich bei mir. So blüht Liebe in uns auf.

Und dann solche Sätze: Das Reich Gottes ist in uns. Und was ist das Reich Gottes? Das ist Gott selber mit seinem ganzen Reichtum.

Ich habe jemandem, der gerade eine Reha-Kur macht, geschrieben: Setz dich auf deine Lieblingsbank im Park. Sei ganz still. Und dann strecke deine Hand aus und sage zu Gott ‚komm, setz dich zu mir. Sie mailte mir zurück: Ja, ich lade Jesus oft ein, neben mir Platz zu finden und bei mir zu sein. Ich rufe, er antwortet. Ich bitte und flehe und lasse Antworten zu.

Meister Eckhardt hat gesagt: Mit alledem schmiege dich ganz an ihn. Sehet, so lieb hat uns Gott. Mit alledem schmiege dich ganz an ihn. Da berührt uns die Liebe Gottes.

Das ist nichts Exzentrisches. Das steht uns allen offen, wenn wir nur still sind, da sind, bei uns sind. Meister Eckhardt sagt die Seele wird von Freude durchkitzelt in der Nähe Gottes.

Frui Deo. Gott genießen. Das meint, was ich vorhin sagte: Sich so von Gott lieben lassen. So blüht die Liebe Gottes in uns auf. Wie bei Kathrin.

 

Bin ich jetzt zu weit gegangen? Habe ich Sie überfordert? Oder habe ich etwas ganz einfaches gesagt, was Sie sich nur nicht zu denken trauten, weil nach unseren Prägungen Gott weit, weit weg ist, gewaltig, groß, jenseitig und ich so ganz klein und weit weg von ihm. Wollen wir Gott vielleicht gar nicht so nah an uns ran lassen? Ist Gott für uns neu zu entdecken und näher an uns ran zu lassen?

 

Ich komme zurück zu dem Predigttext aus dem 1. Johannesbrief. Ich denke, in diesen Worten soll die Erfahrung gebündelt werden, die Menschen mit der Naherfahrung Gottes gemacht haben:

Die Liebe ist von Gott … wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott; denn Gott ist die Liebe. Das klingt doch jetzt ganz anders. Die Nähe Gottes treibt Blüten in uns.

Und es gehen noch ganz andere Blüten auf: einander zu lieben … weil Gott uns liebt, können wir auch einander lieben. Das müsste zu keiner Verpflichtung werden, das ergibt sich von selbst.

Wenn ich so ganz bei mir bin, wenn ich mich so akzeptieren kann, wie ich bin, wie mich Gott liebkost und umarmt, dann kann ich auch locker und frei mit den Menschen umgehen, die um mich her leben. Ich muss ja nichts Besonderes sein und streng darauf achten, dass ich nicht klein gemacht werde. Ich bin doch wer in Gottes Augen und bin von Gott geachtet, wie ich bin, mit all meinen Macken und Merkwürdigkeiten. Meine Fehler wollen mir auch nur im Bewusstsein halten, dass ich ein bedürftiger Mensch bin. Ich bin der Liebe Gottes bedürftig.

In unseren Tagen hat Margot Käßmann das in einmaliger Weise gelebt: Sie stand zu ihren Fehlern, sie hat die Konsequenzen daraus gezogen und ist dadurch nicht zerbrochen. Eher ist sie daran gewachsen und hat uns etwas von der Liebe Gottes vorgelebt.

 

Von der Liebe Gottes sind wir ausgegangen, wie sich die Gedanken um die Nähe und die Liebe Gottes spiralförmig in Kreise drehen und eines sich an anderes fügt im 1. Johannesbrief.

Kathrin hat uns mit ihrem Erleben geholfen, zu verstehen, wie das ist mit der Liebe Gottes. Wir werden so ganz unerwartet von ihr gepackt, sie dringt tief in unser Wesen ein und verändert uns: Liebe, von Gott gezeugt, wenn wir ihn nur nahe an uns ran lassen.

 

Meister Eckhardt hat die Gedanken noch weiter geführt: Nur sich hinsetzen und still sein. In der Stille zu mir finden. Wenn ich bei mir bin, bin ich bei Gott. Gott neben mir Platz nehmen lassen und sich von ihm liebkosen lassen.

Dann als einer weitergehen, der anders geworden ist. Meine Bedürftigkeit, meine Mängel und Fehler machen mich nicht klein. Für Gott bin ich ein Großer, mit meinen Beschädigungen. So kann ich die Menschen neben mir auch hoch achten, weil sie genauso von Gott geachtet sind mitsamt ihren Kümmerlichkeiten.

 

So verschlingt sich alles ineinander und miteinander.

Damit wir durch ihn  l e b e n  sollen, heißt es noch dazwischen. Leben sollen wir ja, leben!

AMEN.