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Die aktuelle Predigt
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An Reminiszere, den 28. Februar um 10.00 Uhr
gehalten durch Pfarrer Wolfram Nugel
 


Zum Beginn der Predigtreihe: In Frieden leben – wenn das so einfach wäre!

Friede mit Gott

Liebe Gemeinde;

in Frieden leben, wenn das so einfach wäre ist der Titel unserer Predigtreihe. Heute also „Friede mit Gott“ als Einstieg und natürlich auch als Basis für die anderen Themen, die dann kommen.

Frieden mit Gott. Natürlich hängt der mit allen anderen Themen zusammen, aber es ist doch auch etwas Eigenes, wie ich mit Gott zurechtkomme.

 

Wie sich dem annähern?

Ich versuch‘s mal andersherum: Was ist das Gegenteil von Frieden?

Ärger, Streit: Kein Streit mit Gott – ist das Frieden mit Gott. Haben wir manchmal Ärger mit Gott? Hat Gott Ärger mit uns? Und was machen wir, wenn wir Ärger mit Gott haben?

Oder Hass: kein Hass auf Gott – kein Hass von Gott auf uns?

Oder Krieg: Kein Krieg zwischen Gott und der Menschheit – sondern Friede, Versöhnung.

Zwietracht – Trennung: keine Zwietracht, keine Trennung von Gott, sondern Einheit, Eintracht, Nähe, Verbundenheit.

Frieden mit Gott. - Was immer er auch ist, ist kein Zustand, in den wir irgendwann kommen und darin bleiben, eher etwas, was es phasenweise gibt, in bestimmten Momenten des Lebens, etwa wenn wir ganz still sind, wenn wir mal schweigen, eine Geborgenheit die wir dann spüren. Oder auch in bestimmten Zeiten des Lebens, in glücklichen Lebensumständen, wenn wir Erfolg haben, wenn alles toll läuft, wenn wir glücklich sind oder auch wenn wir verliebt sind oder waren. Dann ist so ein Lebensgefühl da: Friede und Freude. Aber es ist nicht immer Friede, Freude, sondern eben auch anders, Friede mit Gott muss manchmal auch errungen werden, erkämpft werden.

Und nun kann man wie bei so vielen Sachen im Glauben das Ganze aus zwei Sichtweisen sehen: Von unten aus – oder von oben herab.

1. Von oben herab: so macht es Paulus. Er schreibt im Römerbrief, wir haben es in der Lesung gerade gehört, ich fasse es nochmals zusammen:

 

Gott hat durch Christus die Menschheit mit sich versöhnt, er hat Christus gesandt, wir sind durch den Glauben gerecht geworden und darum im Frieden mit Gott. Wir sind versöhnt und haben Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit.

 

2. Ich möchte heute den zweiten Weg gehen, den von unten nach oben, aus der Perspektive eines Menschen: Wie kommt ein Mensch zum Frieden mit Gott, und nicht: wie kommt Gott zum Frieden mit den Menschen?

Und ich möchte ihnen dazu von einem Menschen erzählen, der mit Gott um den Frieden gerungen hat. Dieser Mensch wurde erst einmal das Opfer einer Wette. Da wettet der Teufel, der Satan mit Gott und sagt: Herr, du kennst doch den Hiob, der ist ein frommer, gottesfürchtiger Mann. Gib mir die Erlaubnis, ihn mal so richtig auf die Probe zu stellen, ihm Böses anzutun, mal sehen, ob er dir auch noch treu bleibt, wenn es ihm richtig dreckig geht. Okay, sagt Gott, ich geb dir freie Hand, aber umbringen darfst du ihn nicht. Und nun geht es los. Hiob verliert alles was er hat. Er verliert seinen Besitz, seine Kinder, seine Gesundheit, bis er krank und zerschlagen, armselig und einsam in der Asche sitzt. Und immer wieder kommt eine neue Schreckensnachricht und der Bote bringt eine neue Hiobs-Botschaft, daher der Name.

Doch Hiob ist nicht allein in seinem Unglück. Drei Freunde kommen zu Hiob, drei Tröster, denen sein Unglück zunächst die Sprache verschlägt. Sieben Tage und sieben Nächte saßen sie mit ihm auf der Erde, und sie redeten nichts mit ihm, denn sie sahen, dass sein Schmerz groß war. (2,13)

Doch dann beginnen sie mit ihm zu sprechen. Sie versuchen ihn zu trösten, indem sie seinem Unglück die verstörende Unerklärbarkeit nehmen. Sie suchen nach einem Sinn in dieser sinnwidrigen, absurden Situation von Krankheit und Verlust, indem sie nach einer Ursache suchen. Es muss doch einen Grund geben für dieses Unglück: einen Grund, auf dem man wieder festen Boden unter die Füße bekommt und nicht weiter versinkt im Morast der Trübsal. Wenn das Unglück zu verorten ist in den Koordinaten von Ursache und Folge, dann wirkt es nicht mehr so verstörend. Also, Hiob, sagen sie: Irgendetwas musst Du doch falsch gemacht haben, so dass dies alles über Dich hereingebrochen ist! Wenn Du dies erkennst und bereust, dann ist der erste Schritt zur Wende getan.

Doch Hiob lässt sich darauf nicht ein. Es gibt in seinem Leben nichts, was als Grund und Ursache für die Katastrophe dienen könnte. Hiob besteht darauf, dass sein Unglück hoffnungslos unerklärlich ist. Er hat es nicht verschuldet – es hat sich auf ihn gestürzt. Und er versucht begreiflich zu machen, dass ihm damit die Grundlage seiner Weltsicht, ja, seines Glaubens zusammengebrochen ist. Das Vertrauen, von einer verlässlichen Welt umgeben und von Gottes guter Hand getragen zu sein, das ist ihm zerstört worden. Sein Leben ist ihm so zu Angst und Qual geworden, sein Glaube ist ihm finster und bitter geworden. Es ist gleichgültig geworden, ob jemand gut oder böse lebt, weil das Schicksal blind und wahllos zuschlägt. Der Friede mit Gott ist ihm geraubt, er scheint auch nicht mehr wiederherzustellen sein.

Wie soll er da jemals wieder Frieden mit Gott, Vertrauen zu Gott finden, jemals wieder Ordnung und Harmonie in sein Leben bringen?

 

Es gibt für ihn keine verlässliche Ordnung mehr, keine Gerechtigkeit, keinen guten Gott. Er wünscht sich gerade noch zwei Dinge: dass sein Leben bald ein Ende findet – und dass Gott, der ihm ein Dämon despotischer Willkür geworden ist, dass Gott ihn in Ruhe lassen möge.

 

Und so geht das eine ganze Weile hin und her zwischen Hiob und seinen Freunden: Sie sagen immer wieder: Nein Hiob, du musst doch irgendwo schuldig geworden sein, schau noch mal genau nach, prüfe dich selbst. Aber Hiob beharrt darauf: Nein, ich bin unschuldig.

 

Ein absurde Situation. Es geht mir nicht gut und ich weiß nicht warum. Und dann kommen die Stimmen: Du bist doch selbst schuld, irgendwo hast du mal gesündigt oder jemand in deiner Familie und das rächt sich jetzt. Oder die andere Stimme, die sagt: Du musst jetzt etwas aus deinem Leid lernen, das hat jetzt einen pädagogischen Sinn.

 

Und Hiob sagt: Nein! Das stimmt alles nicht, das ist alles Quatsch. Und jetzt will ich es genau wissen. Seine Wut, seine Verletztheit, sein Schrei nach Gerechtigkeit kommt heraus. Seine Klage wird zur Anklage Gottes. Und es ist unglaublich, was sich dieser Hiob nun traut.

Es ist unglaublich, welche Kraft der Zorn in dem schwachen und kranken Hiob mobilisiert. Wir haben gelernt, dass es ungehörig ist, wütend auf Gott zu sein – und auch sonst dürfen viele kaum mal richtig wütend werden. Darum kommt die Energie des Zorns aus guten Gründen erst heraus, wenn einer nichts mehr zu verlieren hat. Aber darin steckt die elementare Lebenskraft, mit der wir unser Leben schützen und erhalten. Es die Kraft aus dem Bauch, aus den Eingeweiden, aus der Leibesmitte. Wer damit ganz verbunden und identifiziert ist, der spürt keine Angst mehr.

Wütend auf Gott werden: Ich muss in diesen Tagen in diesem Zusammenhang an die von anderen sexuell missbrauchten Kinder denken, die inzwischen erwachsen sind, nicht nur in der kath. Kirche, aber besonders da: Welche Wut muss sich da aufgestaut haben, auf die Täter, auf die Kirche, die vieles vertuscht hat, aber auch Wut auf Gott, in dessen Kirche so etwas geschehen ist.

 

Hiob, in der Kraft seines Zorns, wird so mutig, dass er selbst Gott herausfordert: Ach, dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte. So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten würde, und vernehmen, was er mir sagen würde. (23,3-5)

 

Der Zorn kommt nun an die richtige Adresse, dieses sinnwidrige, untröstliche Leidens muss erst mit der Lebensmacht Gottes konfrontiert werden Wer so seine Wut gegen Gott richtet, dem zerbrechen naive, kindliche Gottesbilder. Gott ist eine Wirklichkeit, die viel größer ist, unfassbar, unbegreiflich. Gott ist kein Lohn- oder Strafmechanismus für gutes der böses Verhalten, er ist auch kein Knopfdruck-Gott, der irgendwo im Himmel sitzt und auf den Knopf drückt und dann passiert auf der Erde die oder jenes.

 

Der Mensch, der wie Hiob sein Leid zornig herausschreit, der wird von Gott ausdrücklich darin bestätigt. Am Ende gibt Gott Hiob recht. Denn nun erscheint Gott selbst und stellt sich dem Hiob, er versteckt sich nicht, bleibt nicht verborgen, sondern zeigt sich. Gar nicht so verständnisvoll, wie man es vielleicht erwartet. Gott ist hier eher überlegen, eine unfassbar große Wirklichkeit. „Wo warst du, als ich die Welt geschaffen habe“, sagt er zum Beispiel; Gott wirkt überlegen, mächtiger als Hiob. Aber das schüchtert den Hiob nicht ein, im Gegenteil. Denn Gott widerspricht den Tröstungsversuchen der Freunde, die Gott vor Hiob in Schutz nehmen wollten: Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. (42,8) Gott gesteht ihm das Recht zum Zorn, zur himmelstürmenden Wut ausdrücklich zu. Gott erträgt das, was die Freunde Hiobs nicht ertragen konnten: den radikalen Zweifel, den Abgrund der Verzweiflung. So weiß Hiob sich erkannt und verstanden. Er erfährt Gott neu: Indem Gott seinen vernichtenden Zorn aushält. Und so findet Hiob nun den Frieden mit Gott, dadurch, dass er es mit Gott selbst zu tun bekommt. Er sagt: Bisher kannte ich dich nur vom Hörensagen, nun aber hat mein Auge dich gesehen (42,6). Und das ist schon der Friede, mehr braucht es nicht; dadurch kann Hiob mit Gott wieder Frieden schließen. Weil er weiß: Gott selbst kümmert sich um mich, Gott selbst bin ich wichtig, mein Leben ist in Gottes Hand, es interessiert ihn, betrifft ihn, wie es mit geht. Ihm liegt an mir. Das ist die Botschaft der Geschichte von Hiob, trau dich, Gott gegenüber zu treten, so wie du bist, mit all deinen Gefühlen, auch mit Wut und Zorn, es wird Gott bewegen, Gott wird sich dir zeigen und du wirst Frieden finden mit ihm.

AMEN

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